Es begann mit einer Meldung – und endete vor Gericht
Im Jahr 2021 meldete ich dem Technischen Hilfswerk (THW) schwerwiegende Vorwürfe aus meinem Ortsverband Witzenhausen. Dazu gehörten unter anderem Hinweise auf mutmaßliches sexuelles Fehlverhalten gegenüber einer Minderjährigen, homophobe Anfeindungen, Mobbing, Ausgrenzung sowie weitere Vorgänge, die aus meiner Sicht einer umfassenden Aufklärung bedurften.
Ich war überzeugt, dass eine Bundesanstalt ihrer Verantwortung nachkommen, Betroffene schützen und Vorwürfe unabhängig aufklären würde.
Heute, fünf Jahre später, weiß ich: Dieser Weg sollte mein Leben grundlegend verändern.
Vom Hinweisgeber zum Kläger
Statt einer konsequenten Aufarbeitung entwickelte sich der Konflikt zunehmend gegen mich.
Während ich immer weitere Informationen und Belege vorlegte, wurde ich selbst zum Mittelpunkt interner Auseinandersetzungen.
Es folgten zahlreiche Gespräche, Beschwerden und schließlich die Kündigung meiner ehrenamtlichen Tätigkeit durch den Landesverband.
Die Begründung lautete unter anderem, ich hätte dem THW durch mein Verhalten geschadet.
Aus meiner Sicht geschah jedoch das Gegenteil:
Ich machte auf Missstände aufmerksam, weil ich überzeugt war, dass sie aufgearbeitet werden müssen – zum Schutz aller Helferinnen und Helfer.
Was in den folgenden Jahren bekannt wurde
Während des Gerichtsverfahrens kamen nach und nach weitere Informationen ans Licht.
Investigative Recherchen der Allgemeinen Zeitung, Echo Online sowie des Podcasts „Reingehört“ führten dazu, dass sich weitere Quellen aus dem THW meldeten und interne Unterlagen zur Verfügung stellten.
Nach den veröffentlichten Recherchen lagen dem THW bereits frühzeitig zahlreiche weitere Vorwürfe gegen den damaligen Ortsverbandsleiter vor.
Dazu gehörten unter anderem:
- Vorwürfe möglicher sexueller Grenzüberschreitungen,
- Mobbing und Ausgrenzung,
- Hinweise auf finanzielle Unregelmäßigkeiten,
- Beschwerden über den Umgang mit Ehrenamtlichen,
- Vorwürfe unzulässiger technischer Hilfeleistungen,
- zahlreiche Austritte und Rücktritte innerhalb des Ortsverbandes.
Nach Angaben der recherchierenden Journalisten reichten einzelne Vorwürfe mehrere Jahre vor meiner eigenen Meldung zurück.
Der Ortsverband Witzenhausen zerbrach
Die Folgen waren gravierend.
Der Ortsverband Witzenhausen verlor zahlreiche Helferinnen und Helfer.
Führungskräfte legten ihre Ämter nieder.
Weitere Ehrenamtliche wechselten in andere Ortsverbände oder verließen das THW vollständig.
Schließlich wurde der Ortsverband geschlossen.
Damit wurde aus einem zunächst als „Einzelfall“ bezeichneten Konflikt ein Vorgang mit erheblichen Auswirkungen auf eine gesamte Organisationseinheit.
Der Prozess vor dem Verwaltungsgericht Mainz
Nach meiner Kündigung entschloss ich mich, Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland zu erheben.
Über nahezu fünf Jahre führte ich dieses Verfahren ohne anwaltliche Vertretung.
Im Mittelpunkt stand nicht nur meine Kündigung, sondern die Frage, ob der Umgang mit meinen Hinweisen und Beschwerden rechtmäßig gewesen war.
Das Verfahren endete schließlich vor dem Verwaltungsgericht Mainz mit einem gerichtlichen Vergleich.
Dabei wurde die gegen mich ausgesprochene Kündigung zurückgenommen.
Gleichzeitig wurde vereinbart, dass mein langjähriges ehrenamtliches Engagement ausdrücklich gewürdigt wird.
Ich erklärte im Gegenzug meinen freiwilligen Austritt aus dem THW, um für mich persönlich einen Abschluss zu finden und die Möglichkeit zu erhalten, nach einer Zeit der Verarbeitung und Genesung wieder nach vorne zu blicken.
Neue Fälle bestätigen strukturelle Fragen
Mit dem Ende meines Verfahrens endete die Berichterstattung nicht.
Im Gegenteil.
Weitere Recherchen brachten neue Fälle ans Licht.
Ein schwerbehinderter Beamter erhob Vorwürfe rassistischer Diskriminierung sowie mangelnder Unterstützung innerhalb des THW.
Weitere Ehrenamtliche meldeten sich mit Berichten über Mobbing, Diskriminierung und fehlende Reaktionen auf Beschwerden.
Im Podcast „Reingehört“ äußerte der Investigativjournalist Aaron Niemeyer die Einschätzung, dass die Vielzahl der Hinweise nicht mehr allein durch individuelle Konflikte erklärt werden könne und inzwischen strukturelle Fragen im Raum stünden.
Schutzmechanismen – Theorie und Praxis
Im Laufe meines Verfahrens wurde immer wieder auf bestehende Beschwerdewege verwiesen.
Dazu gehören Helfersprecher, Landessprecher, Meldestellen sowie interne Ansprechpartner.
Die entscheidende Frage lautet jedoch:
Funktionieren diese Mechanismen tatsächlich?
Diese Frage wird inzwischen nicht mehr nur von mir gestellt.
Sie wird öffentlich diskutiert und von zahlreichen Betroffenen aufgegriffen.
Was bis heute fehlt
Der gerichtliche Vergleich stellte einen wichtigen Schritt dar.
Dennoch bleiben für mich wesentliche Punkte offen.
Bis heute hat es keine persönliche Entschuldigung für das Erlebte gegeben.
Eine umfassende Aufarbeitung der Geschehnisse ist aus meiner Sicht bislang nicht erfolgt.
Auch die Frage, welche konkreten Konsequenzen aus den bekannt gewordenen Vorgängen gezogen wurden, bleibt weitgehend unbeantwortet.
Ich wünsche mir nicht, dass einzelne Menschen verurteilt werden.
Ich wünsche mir, dass aus Fehlern gelernt wird.
Mein Weg geht weiter
Der Rechtsstreit ist beendet.
Mein Engagement nicht.
Heute setze ich mich mit meiner Initiative „Queer im Ehrenamt“ für mehr Schutz, Gleichbehandlung und funktionierende Beschwerdestrukturen innerhalb von Hilfsorganisationen ein.
Ich unterstütze Organisationen als Dozent und Berater.
Immer mehr Betroffene wenden sich inzwischen an mich.
Das zeigt:
Mein Fall war kein Ende.
Er war der Anfang einer größeren Diskussion.
Mein Appell
Ehrenamt lebt von Vertrauen.
Wer sich freiwillig für andere einsetzt, muss sicher sein können, dass er selbst geschützt wird, wenn er Hilfe benötigt oder Missstände meldet.
Nur wenn Organisationen bereit sind, sich auch ihren eigenen Problemen ehrlich zu stellen, können sie dauerhaft Vertrauen schaffen.
Mein Wunsch ist deshalb kein persönlicher Sieg.
Mein Wunsch ist, dass künftig niemand mehr den Weg gehen muss, den ich gehen musste.
Beiträge aus der Presse:
- Sexualisiertes Fehlverhalten im THW? Der Fall Witzenhausen
- Im THW brodelt es: Was Präsidentin Lackner jetzt tun sollte
- Diskriminierung? THW-Präsidentin reagiert auf VRM-Recherchen
- „Homophobes Mobbing“? THW und Helfer einigen sich in Mainz
- „Ich wurde im THW homophob gemobbt“: Helfer klagt in Mainz
- Ist dem THW sein Ruf wichtiger als der Kampf gegen Homophobie?
- Vergleich vor Gericht: THW muss Kündigung zurücknehmen




Quellen: VRM, Queer im Ehrenamt, Mannschaft